“Plaisir d´amour” - Roman 2016 - Neu!!! 277 Seiten - Textumfang ca. 58500 Wörter Zeit und vorwiegende Orte der Handlung: 1747 bis 1816, Freystadt, Neuburg/Donau, Straßburg, Nancy, Paris, Lyon und wieder Paris und schließlich wieder Freystadt ISBN: 978-3-95452-690-1        Spielberg Verlag Regensburg-Neumarkt     12,90 Euro   Ein historisch-biografischer Roman über den Komponisten Jean Paul Egide Martini. Martini wurde 1741 in Freystadt geboren, und er verstarb 1816 in Paris. Dort brachte er es vor der Französischen Revolution und danach als Komponist und Superintendant der königlichen Musik zu Anerkennung. Weltruhm erlangte er mit der Kompositon des Liedes Plaisir d´amour. Der Roman erscheint zu Martinis 200. Todestag im Januar 2016 im Spielberg Verlag Regensburg-Neumarkt. Die Stadt Freystadt erklärt das Jahr 2016 zum Martini-Jahr. Inhalt Freystadt 1747. Die Mutter des 6-jährige Johann Paul Ägidius Martin stirbt. Sein Vater heiratet noch im selben Jahr wieder. Der Bub hat fortan unter seiner Stiefmutter und seinen Halbgeschwistern zu leiden. Seine außerordentliche musikalische Begabung ebnet dem 11-Jährigen den Weg ins Jesuitenseminar nach Neuburg an der Donau. Dort fällt ein Mordverdacht auf ihn. Johann Paul Ägidius ist zum Priester  bestimmt. Er jedoch kann sich seine Zukunft nur als Musiker und Komponist vorstellen. 17-jährig sucht er bei Nacht und Nebel das Weite. Erst nennt er sich Johann Paul Ägidius Schwarzendorf, später Jean Paul Egide Martini, auch Jean Paul Egide Martini il Tedesco. In Straßburg verlieben sich der junge, mittellose Musiker und dessen Clavierschülerin Clara unsterblich ineinander. Doch diese Liebe scheitert an den Eltern des Mädchens. In dieser vermögenden und angesehenen Straßburger Familie hegt man andere Pläne mit dem einzigen Sprössling, und Clara gehorcht. Für sie komponiert er das Lied ohne Worte, die Melodie für das spätere Lied Plaisir d´amour. Martini zieht weiter. Plaisir d´amour macht ihn über Nacht unsterblich. In Paris vermag er sich als Komponist, Musiklehrer, Clavier- und Orgelvirtuose zu etablieren. Mit manchen seiner Opern feiert er Triumphe. Er wird über Paris und Frankreich hinaus bekannt. Der König ernennt ihn zum Superintendanten der königlichen Musik. Als »Le Grand Martini« bezeichnet man ihn. Er ist ganz oben angekommen, dann überrascht ihn die Französischen Revolution. Zunächst bestätigt man ihn in seinem hohen Amt. Doch plötzlich ist er nicht mehr gefragt und wird des Amtes enthoben. Immer wieder werden seine Hoffnungen enttäuscht. So vergeht ein Jahr nach dem anderen. Trotz seines nach wie vor ungestillten Schaffensdrangs glaubt Martini nicht mehr an bessere Zeiten. Ist er in Vergessenheit geraten? Martini sehnt sich nach Clara. Es scheint, auch sie hat ihn vergessen. Leseprobe                                Hans Regensburger - Plaisir d´amour - Roman Prolog  Was kann man tun, um einen in Vergessenheit geratenen Menschen wieder ein Gesicht zu geben? Wie nähert man  sich  einem solchen? Einem Mann, der vor zweihundert Jahren als Person des öffentlichen Lebens in Paris verstarb, das hörte  ich. Außerdem sagte man mir, dieser Tote sei berühmt gewesen, denn nicht ein paar Leute folgten sei-  nem Sarg, sondern  halb Paris in einem Kondukt; nicht von ungefähr ehrte ihn der nachnapoléonische König Lud-  wig XVIII. mit einem  Staatsbegräbnis und einer letzten Ruhestätte in Père Lachaise.    Ich horchte auf, denn auf dieser Begräbnisstätte für Außergewöhnliche und Reiche sowie sicherlich auch für   Lebenskünstler und Glücksritter, doch vor allem ein letzter Ort für Komponisten, Musiker, Maler, Bildhauer,  Dichter und  Wissenschaftler ist jedes Grab auch ein Kunstwerk. Der Friedhof ein Gesamtkunstwerk, das die  Schönheit und in ihr die  Künste preist und feiert. Vielleicht ein heimlicher Versuch, um dem Tode zu trotzen, der  den Menschen gleichmachen  und seinen Geist zerstäuben möchte. Père Lachaise aber scheint ihn am Entrücken ins Sphärische zu hindern und wartet  mit einer eigenen Form der Seelenwanderung und Wiedergeburt auf. Eine  Wiedergeburt in nichts als den Schönen  Künsten.    Wo könnte man Nietzsches Zuversicht – ja, grenzenlose Zuversicht und nicht trostlose Einsicht –, dass der Mensch die  Künste habe, damit er an der Wahrheit nicht zugrunde gehen müsse, besser verstehen als in Père Lachaise?  Wenngleich für die Franzosen dieser Ort etwas geringere Bedeutung haben mag als das Panthéon. Denn dort liegen die Allergrößten  der französischen Nation, allen voran Voltaire und Rousseau. Links und rechts am Eingang der  Gruft scheinen ihre  Sarkophage zu wachen, vielleicht um unablässig den Geist der Aufklärung, der Freiheit, der  Gleichheit und der  Brüderlichkeit anzumahnen. Mir dämmerte, wen man meinte, und man nickte, als ich fragte, ob es sich bei jenem Vergessenen um Jean Paul  Egide  Martini handele. Nun erinnerte ich mich an meinen Besuch in Père Lachaise.   Vor einigen Jahren, es war November, schlenderte ich dort durch die Grabreihen. Plötzlich spürte ich etwas in einem  meiner Schuhe. Ein Steinchen befand sich darin. Beim Entfernen fuhr mir ein milder Windstoß durchs Haar. Denn  sogar im Schatten der Grabmäler und Mausoleen war die Luft lau. Diesen sonnigen Novembernachmittag hätte man auch mit  einem Nachmittag im Mai verwechseln können.   Damals wusste ich nicht, dass auf diesem Friedhof auch das Grab Jean Paul Egide Martinis zu finden war, dessen   Todestag sich am 14. Februar 2016 zum 200. Mal jährt. Und wenn ich dessen Grabmal so zufällig entdeckt hätte wie das  des Lyrikers Apollinaire, wäre ich davor stehen geblieben? Gewiss! Und wie es in Père Lachaise Sitte ist, hätte  ich auf dieses Grab nicht nur einen Stein gelegt, sondern auch das Steinchen aus meinem Schuh.   Man ist geneigt, selbst mit einem x-beliebigen Menschen zu wetten, dass dieser Wiederzuentdeckende aus dem  Aus- land kam, in der Provinz geboren wurde und ein Künstler war – ein Musiker und Komponist. Denn welcher   Künstler war damals nicht Musiker und welcher Musiker nicht auch Komponist? Bände füllend all jene, die damit ihr  Auskommen suchten und so schnell vergessen wurden wie Musik im Ohr eines unmusikalischen Menschen. Hätte   jemand dagegengehalten, man hätte die Wette gewonnen. Tatsächlich, Martinis Wiege stand im Westen der  Oberpfalz, in  Freystadt, wo ich einen Katzensprung davon entfernt geboren wurde und lebe. In Freystadt hatte  man an seinem  Geburtshaus eine Erinnerung in Stein gemeißelt und die Schule nach ihm benannt. Was ihm bislang dort nicht zuteil werden konnte war, ihn aus der Finsternis der Archive zu befreien, ihm wieder Leben  einzuhauchen, um ihn für jedermann erleb- und fassbar zu machen, spätestens im Gedenk-jahr 2016.   Im Spitalcafé in Freystadt bei Bier und Wein schien man einen solchen Zustand herbeizusehnen und wusste nicht,  wie  man ihn herbeiführen konnte. Man hatte ja bereits über die steinerne Erinnerungstafel am Geburtshaus und die  Namensgebung der Schule hinaus einiges dafür getan: so manches aus Martinis Œuvre aufgeführt. – Eine große,   feierliche Messe in der Wallfahrtskirche, dort und andernorts Musik aus seinen Opern, einige Sinfonien und immer  und  immer wieder Plaisir d´amour – sein unsterbliches Lied. Möglicherweise das Lied seines Lebens. Ein Lied, so  morbide und schön wie Lili Marleen. Eine Poesie, ein Mikrokosmos seiner 75 Lebensjahre – vielleicht. Wenn  überhaupt, wollte ich  diesen wenigen Minuten großer Kunst nachspüren, um in ihr den Schöpfer und Menschen zu entdecken, den ich eigentlich nicht entdecken wollte. Einen Opportunisten – doch vielleicht notgedrungen, wer  weiß.   Die Kultur- und Kunstliebhaberinnen Ursula Steinert und Marie Luise Karl überraschten mich in dieser geselligen   Runde mit der Idee, ich möge einen Roman über diesen Künstler schreiben. Ich erschrak. Dessen ungeachtet  soli-  darisierte sich Willibald Gailler, der Bürgermeister von Freystadt, mit diesem Gedanken. Fortan schien es für mich    kein Zurück mehr zu geben. Nun heftete sich dieser Künstler wie ein Schatten an meine Fersen. Ein ständiger  Begleiter, den ich weder abschütteln konnte noch wollte; dennoch ein lästiger Verfolger, der mir nicht ganz geheuer war. Ich liebäugelte mit dem Wunsch, wie einst Peter Schlemihl, so möge auch mir eine Person begegnen, die  Schatten kaufe. Doch in Erinnerung an Schlemihls Schicksal war mir dieser Schatten tausendmal wertvoller als der Ertrag seiner Veräußerung – eine Börse mit Gold, die nie leer wird. Dass ich das ungeachtet dessen nicht tun würde, war so gewiss wie  die Wahrmachung dieses Bildes unmöglich. Doch konnte ich mich an diesen Schatten gewöhnen oder gar mit ihm anfreunden und an welchem Ort, wenn es denn schon sein musste? Paris oder Freystadt standen  zur Wahl, was sonst. Ich favorisierte Paris. Von dort wollte ich, reich an Abenteuern, im Gedenkjahr 2016 den  großen Sohn nach Freystadt  heimholen – zwischen zwei Buchdeckeln als Held eines Romans. Bevor ich mich spät in der Nacht schlafen legte, ging ich zum  Geburtshaus des Komponisten. Dort vergewisserte ich  mich, was auf der steinernen Tafel geschrieben stand. Zum ersten Mal wunderte ich mich über dessen französische Vornamen und den italienischen Familiennamen.   Ich kehrte nach Hause zurück und las in meinem spärlichen Fundus, dass er seine Vornamen französisch und seinen  Familiennamen italienisch naturalisiert hatte. So war aus dem am 31. August 1741 in Freystadt zur Welt gekom-  menen Johann Paul Ägidius Martin später in Frankreich ein Jean Paul Egide Martini geworden. Wie ich vermutete:  ein  Opportunist. Doch ein weiterer Blick in die Liste seiner Lebensdaten belehrte mich eines Besseren: Martini war kaum sechs, da starb seine Mutter. – Deshalb ein Leidtragender und vielleicht bald schon ein doppelt Leidtragender, weil ihm noch im Todesjahr seiner Mutter eine Stiefmutter zugemutet wurde.   Wer wollte darüber den Kopf schütteln, dass er fünf Jahre später keine Träne vergoss, als man ihn ins Seminar zu  den Jesuiten nach Neuburg an der Donau schickte. Im Bett liegend versuchte ich mich mit der Vorstellung  anzufreunden, damals in Père Lachaise doch sein Grab gesucht und gefunden zu haben. Reumütig und das Gerippe von Martinis Lebens- und Schaffensdaten in Erinnerung rufend,  ersehnte ich den Schlaf. Wie würde ich so bewehrt und befrachtet schlafen können und aufwachen?, vielleicht mich in  diesen Mann hineinträumen, wohlwissend, dass man über seine Träume keine Macht hat. Ich legte mich auf meine Einschlafseite, schloss die Augen und verkroch  mich im Oberbett. Plötzlich erschien vor meinem inneren Auge Martinis Portrait. Ein Haupt mit Perücke, ein breiter Schädel, ein selbstgefälliger Blick. »Unbeirrt und protzig«, dachte ich. Und obwohl es nicht Martinis Epoche war,   kamen nach und nach Bilder des Renaissancemenschen hinzu. So wie diese ihre Einzigartigkeit, Selbstgewissheit und Schönheit feierten, pflegten sie auch die Melancholie: die Haltung des in sich  gekehrten Suchers. Eine Lebens- und Leidensform, die damals die Künstler, Kaiser und Könige für sich beanspruchten; Menschen, die sich selbst  entdeckt und die Ernsthaftigkeit ihrer Existenz verinnerlicht hatten und darauf stolz waren. Von alldem keine Spur in Martinis Gesicht. Mir erschien es so selbstgefällig und unernst wie die Kette seines französisch und italienisch  naturalisierten Namens, der mir stereotyp durch den Kopf geisterte. Ich hoffte, dass ich bald einschlafen  und diesen Martini für immer vergessen würde. Doch es kam anders. Wusste ich denn nicht, dass man keine Macht über seine  Träume hat? Zuhörer und Begleiter wurde ich, Zeuge von Martinis Zwiesprache mit sich. Er legte von sich  Rechenschaft ab. Denn  trotz der Komposition von Revolutionsliedern und Militärmusik, trotz der Hymne auf die  Republik, trotz mancher  Ergebenheitsadressen und Loyalitätsbezeugungen für den neuen Staat – die Französische  Republik und das Französische  Kaiserreich – verlor er 1792 das Amt des Generalmusikdirektors und 1802 seine  Stellung als Inspekteur des  Musikkonservatoriums von Paris, die er 1796 erhalten hatte. Offenbar hatte man dem  neuen Herrscher hintertragen, dass er vor dem 14. Juli 1789 dem verhassten König zu Diensten gewesen sei.     Dieser intime Zustand von Martinis Erzählen strafte sein angebliches Abbild – unmöglich auch Portrait – samt  Maler Lügen. Es schien, Martini war froh, mich an seiner Seite zu wissen. In mir hatte er jemanden gefunden, dem  er alles anvertrauen konnte, ohne der Schönfärberei anheimzufallen, etwas verbergen und lügen zu müssen. So wie  er zu mir sprach, sprach er zu sich. Martini blickte weit in sein Leben zurück und erzählte. 1760 – Nach Straßburg geraten – als 19-Jähriger (6. Kapitel) Eigentlich war Nancy mein Ziel und nicht Straßburg. Vor diesem Sinneswandel, der in Colmar plötzlich über mich  kam,  hatten mich Zweifel heimgesucht. Trotz meines Ziels überwog plötzlich das Gefühl, ziellos unterwegs zu sein, beim  Zechen falschen Versprechungen auf den Leim gegangen zu sein.  Wieder wurde mein Geld knapp. Würde es noch bis Nancy reichen? Ich scheute mich davor, meine Börse zu stürzen  und es nachzuzählen. Was nutzte mir in  dieser vertrackten Lage – angesichts meines schmalen Geldbeutels – die dicke Mappe mit meinen ersten  Kompositionen? Würde ich in Nancy überhaupt den Baron de Rondad finden oder würde sich  dieser hohe Beamte und Musikenthusiast am Hofe Herzogs Stanislas von Lothringen dort gar als Erfindung erweisen? Der Baron habe  das Ohr des Herzogs, hatte ein Frankreichreisender behauptet. Mit ihm war ich in einer Freiburger   Studentenschenke ins Gespräch gekommen. Er, der Baron, könne mir den Konzertsaal des Herzogs öffnen und  gewiss  auch die Orgelempore von dessen Hofkirche. Erneut bestellte ich für ihn und mich Bier. Immer wieder hob er an diesem  feucht-fröhlichen Abend seinen Krug und stieß mit mir auf meine Zukunft als großer Musiker und  Komponist an. Doch so wie mein Glaube schwand, in die Residenz des musikbesessenen Herzogs mithilfe des  Barons de Rondad Eingang zu finden, konnte ich nun meinen Verdacht nicht mehr abschütteln, dass dieser  herzogliche Beamte auf einer  freien Erfindung beruhte, ich einst in Freiburg beim siebten, achten Krug Bier zum  Besten gehalten wurde. Das süffisante Lächeln, der hinterhältige Augenaufschlag dieses Frankreichreisenden  schienen mir dafür Beweis genug zu sein. Waren diese Beobachtungen urplötzlich aus meiner Erinnerung erwacht  oder lediglich meiner Phantasie  entsprungen? Setzte ich mich mit Tatsachen auseinander oder sah ich Gespenster? Einerlei, meine Zuversicht war dahin. Ich bereute, während der beiden Jahre in Freiburg mit meinen Kompositionen mehr Zeit verbracht zu haben als an der einen oder anderen Kirchenorgel und der Unterweisung von Schülern. Nun trauerte ich dem Geld nach, das mir der  Dienst als Organist und Kantor zusätzlich eingebracht hätte. In Freiburg  und Umgebung hatte ich vor allem bei den  Protestanten so manchen Organistendienst leichtfertig ausgeschlagen,  den einen oder anderen Orgelschüler hochnäsig  abgewiesen.   Geknickt stieg ich in Colmar aus der Postkutsche und folgte den anderen Reisenden zur Posthalterei. Unter dem  Druck in meiner Brust verharrte mein Blick auf dem zerklüfteten Pflaster, worüber vor und hinter mir einige Frauen jammerten  und schimpften. Trotz der nahen Nacht und meines knurrenden Magens hätte ich am liebsten vor der  Wirtshaustür  meinen Schritt gewendet und wäre zu Fuß nach Freiburg zurückgekehrt. Ich fühlte mich nicht mehr  frei wie ein Vogel,  sondern vogelfrei – verloren. Kaum, dass ich mich in der Wirtstube der Posthalterei an einen  Tisch gezwängt hatte, horchte ich auf. Was hatte ich trotz des lauten Durcheinanders, das dort herrschte, soeben aus einem Gespräch zweier Männer aufgeschnappt? Ich sah auf.  Etwa eineinhalb Armlängen vor mir saßen zwei Chor- herren mit mir am Tisch. Sie bestellten bei der dunkelhaarigen Kellnerin Wein, Brot, Butter und geselchten  Schinken. Als die blutjunge Frau mich ansah und fragte, was ich wünsche,  begnügte ich mich mit Bier und Butter-  broten. »Den Schnittlauch nicht vergessen!«, rief ich ihr hinterher. Dann kreiste  das Gespräch der Geistlichen  wieder um jenes Thema, das mich kurz zuvor aus meiner Niedergeschlagenheit gerissen  hatte. Erneut beklagten sie die über Nacht eingetretene Vakanz der Ersten Hilfsorganistenstelle am Straßburger Münster.  Sie wünschten jenem Verliebten, der mit einer Straßburger Bürgerstochter bei Nacht und Nebel durchgebrannt sei, die  Pest an den Hals. Bald darauf runzelte einer von ihnen seine Stirn und der andere warf die Frage auf, ob sich mit jenem  Talent im  Badischen, zu dem sie unterwegs seien, diese Lücke wieder füllen lasse. »Nichts wie hin nach Straßburg!«, sagte  ich mir.   Und tatsächlich kam ich dort den beiden mit ihrem Kandidaten um drei Wochen zuvor. Als dieser mein Spiel hörte,  konnte ihn die hohe Geistlichkeit des Münsters am nächsten Tag in ganz Straßburg nicht mehr ausfindig machen.    So wie ich meinen Kontrahenten mit meiner Kunst an der Orgel in die Flucht geschlagen hatte, zog sie im Laufe der Zeit Madame Edlinger an. Sie hatte mit ihrer Mutter beinahe täglich im Münster die Messe besucht. Wie sie mir  später  erzählte, war sie eines Tages hellhörig geworden. Just an diesem Morgen spielte ich dort meine erste Messe.  Mit der Zeit  fand Madame Edlinger heraus, dass ich – jener Neue – vor allem werktags beim Siebenuhrgottesdienst in die Tasten griff und das Pedal traktierte. Schnell war in ihr der Entschluss gereift, an mich heranzutreten. Zu  diesem Zweck hatte sie noch während der Messe ihren Hausdiener und Kutscher, einen liebenswürdigen alten  Mann, zu mir auf die  Schwalbennestorgel des Münsters beordert. Und ich staunte, was ich auf dem schmucken  Billett der vornehmen Frau  Edlinger las, das ich plötzlich auf dem Notenpult sah. Nach dem Auszug führte mich  der gebeugte Alte zu seiner  Herrin. Sie erwartete mich vor dem Münster.   »Mein Herr, auf ein Wort.« In ihrer Begleitung befand sich eine ältere Dame, ihre Mutter, wie ich angesichts der   Ähnlichkeit ihrer Gesichtszüge sofort richtig vermutet hatte. Ich lüftete meinen Dreispitz und erwiderte:  »Mesdames, Euer ergebener Diener!«  »Seit Euerer ersten Messe rätseln meine Frau Mutter und ich, welch großer Künstler plötzlich die Orgel spiele.«  Dieses  Lob machte mich sprachlos. Ich errötete. »O Gott, wie jung Ihr noch seid – so unschuldig jung«, erschrak  ihre Mutter, eine Frau, von keineswegs kleinem und  zartem Wuchs. Allein der Aufzug der beiden Damen verriet  ihre Eleganz und wohl auch ihren Reichtum, noch mehr die zweispännige Kalesche, die ich im Schatten des  Münsters sah.   »Ich bin neunzehn, bald zwanzig, Madame«, erwiderte ich und stellte mich vor. Beide Damen wurden nicht müde,  mich mit Komplimenten zu überhäufen. »Meine Frau Mut-ter und ich sind längst  nicht mehr die Einzigen, die Euch bewundern«, sagte die Jüngere. »Nach jeder Messe wird die Schar Euerer Anhänger größer«, so die Ältere. Als  Ausdruck meiner Freude nahm ich  meinen Dreispitz ab, schwang mit ihm eine Luftwelle und verneigte mich. »Euer Diener, Mesdames – ganz Euer ergebener Diener!«  »Ihr könnt wahrlich die Orgel traktieren…, o nein: spielen wie nur wenige und gewiss genauso bravourös das  Clavier!«, meinte die Jüngere und schwenkte ihr Schirmchen vors Gesicht, worauf die Sonne geschienen hatte.    »Nun…«, äußerte ich und versuchte mich meiner erneuten Sprachlosigkeit zu entwinden.  »Mein guter Gatte beschenkte unsere geliebte Clara zu dero 16. Geburtstag mit einem Clavier neuerster Machart«,  hob  sie an.   ...  Ihr Anblick verschlug mir die Sprache. Clara hatte glattes, blondes Haar, ihre Augen waren hellblau und ihre Nase etwas breit, doch unaufdringlich. Claras Wuchs war schmal und hoch. Ihr breites Lachen, das  plötzlich in ihrem Gesicht erstrahlte, nahm mir im Nu die Angst, die mir ihre engelsgleiche und unnahbare Aura  bereits untergeschoben hatte. Als ich sie zu ihrem Namenstag beglückwünschen wollte, brachte ich dennoch nur ein Stammeln über meine Lippen. Flugs erkannte sie meine Notlage und stand mir bei: »Ich bin so froh, mit Euerer  Kunst am Clavier zum Namenstag beschenkt  zu werden.« Sie nahm mich beiseite und ging mit mir ein Stück – stahl sich mit mir in die Schar der Gäste. Niemand nahm von uns Notiz. Eingenebelt von der Namenstagsgesellschaft  und dem Geschwirr ihrer Plaudereien und Gelächter,  schienen Clara und ich vor ihr verborgen zu sein. »Nun kann  ich es kaum mehr erwarten, Euch an diesem schönen Instrument zu erleben«, sagte sie. Dabei versuchte sie mir  etwas zu sagen, doch sie kam gegen ihr Kichern nicht an. »Ich  alter Kindskopf hätte es wenigstens ahnen müssen«, brachte sie schließlich unter Tränen heraus, »dass Ihr, Herr Martin,  Mamas und Papas Überraschung seid. Hatten sie doch zuvor Euer Können an der Orgel und am Clavier in den höchsten  Tönen gelobt. Mama war hingerissen. Sie  meinte gar, Euere Musik und Euer Musizieren gleiche einem Wunder. Als sie sah, was Euere Finger mit den Tasten anstellten, konnte sie nur noch staunen.« Nun war auch mein Verdruss wie weggeblasen. Er hatte mich ereilt, kaum dass ich meinen Fuß über die Schwelle des Palais Edlinger gesetzt hatte. Zu meinem Entsetzen teilte mir der  Haushofmeister mit, dass ich während meines Auftritts eine Livree zu tragen habe. »Die  gleiche wie die  Dienerschaft im Palais Edlinger«, betonte er. Meinen neuen blauen Rock und schneeweißen Kragen, meine neue  hellgraue Weste, meine neuen dunkelgrauen Hosen  und beigen Strümpfe und meine Perücke musste ich ablegen  und dieses steife, uniforme Mausgrau mit seinen gelben  Bordüren anlegen. Allein meine neuen Schuhe durfte ich  wieder anziehen, doch nur, weil der Haushofmeister im  Gewandmagazin des Personals für mich keine passenden  gefunden hatte. Es dauerte einige Zeit, bis er sich endlich mit  meinen braunen abfinden wollte. Ich schüttelte den  Kopf, vor allem über mich. Hatte ich mir doch in wenigen Tagen meine neuen Sachen machen lassen  und mich  deshalb auch verschuldet. Damit sie rechtzeitig fertig würden, war ich die ganze Zeit nicht nur von Pontius zu   Pilatus geeilt, sondern ich erklärte mich bei manchem Stück mit einem der Eile geschuldeten Preisaufschlag  einverstanden. Nun war alles umsonst gewesen. »Das fängt ja gut an!«, murrte ich, obschon ich mich längst dem  Willen des Haushofmeisters und damit gewiss auch dem der Edlingers gebeugt hatte. Claras Erscheinung und  Lachen befreite mich  von dieser Kränkung, erlöste mich aus meiner Trübsal. Schweigend standen wir uns  gegenüber. Plötzlich sah Clara zu  Boden. Ich folgte ihrem Blick. In diesem Moment raffte sie ein wenig den  Reifrock ihres Kleides und trat einen kleinen  Schritt zurück. Ein Taschentuch kam zum Vorschein. Ich hob es auf  und reichte es ihr. Sie errötete, nickte und lächelte.