Hans Regensburger Literatur und Bilder
Aufwinde © Hans Regensburger 2014
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»Während eines Sommers« Novelle 2026 von Hans Regensburger Zeit und Orte der Handlung: um die 2020iger Jahre in der Oberpfalz Seiten: 122 Textumfang: ca. 23100 Wörter Erschienen im Spielberg Verlag, Neumarkt i.d.OPf. ISBN: 978-3-95452-802-8 Preis: € 10,90 Stoff der Novelle:  Brams   erwirbt   nach   dem   Kehraus   einen   Stier,   der   bei   vielen   Fastnachtsumzügen   die   besondere Freude   der   Narren   gewesen   war.   Er   findet   auf   der   Wiese   dieses   Mannes   eine   neue   Heimat. Fortan   erfreuen   sich   an   ihm   viele   Menschen;   besonders   die   Kinder. Am   öftesten   legen   Großväter mit    ihren    Enkeln    bei    ihm    eine    Rast    ein.    Das    überrascht    und    beglückt    den    Stier    mit    einer ungeahnten   Entdeckung.   Und   dieser   Sommer   des   Glücks   und   der   Freude   möge   nie   enden. Aber plötzlich steht alles Kopf, denn eine Überraschung jagt die andere. Nach einer wahren Begebenheit Leseprobe: April – April! Oder doch nicht? Plötzlich   war   ich.   Ein   Durcheinander   aus   Worten   und   Lachen   drang   nach   und   nach   zu   mir.   In diesen Augenblicken   begann   ich   zu   denken   und   sah   vor   mir   Kinder.   Sie   waren   es,   die   da   redeten und   lachten,   aber   auch   drängelten,   schubsten,   schimpften   und   stritten.   Die   einen   schienen   sich an   mir   zu   erfreuen;   ihr   Staunen   und   Lächeln   sprach   Bände.   Den   anderen   glaubte   ich   anzusehen, dass   ich   für   sie   ein   Rätsel   war.   Obwohl   auf   diesem   Bild   vor   meinen Augen   die   Erwachsenen   unter diesen Kleinen viel mehr Platz innehatten, nahm ich sie erst nach einer Weile wahr. Es    war    Frühjahr,    als    ich    meiner    bewusst    wurde.    Viele    Leute    sprachen    sogar    von    einem Bilderbuchfrühling.   Dem   folgte   ein   Sommer,   dem   nach   der   Wahrnehmung   der   Leute   das   Gleiche zugesprochen werden konnte. Als   ich   meiner   bewusst   geworden   war,   hätte   ich   auch   meine   Umgebung   nicht   besser   kennen können   als   ich   sie   kannte.   Denn   sie   war   mir   so   vertraut   wie   frisch   geschlüpften   Enten   das Schwimmen.   Ich   konnte   denken,   also   war   ich!   Es   durchdrang   und   bebilderte   nahezu   alles,   was mich   umgab   und   darüber   hinaus.   So   als   ob   es   für   mich   nie   etwas   anderes   gegeben   hätte;   ich   der Mühe   des   allmählichen   Erwerbs   von   Fähigkeiten   sowie   der   Erfahrung   und   des   Reifens   enthoben wäre. Auch   mein   Wissen   hatte   ich   weder   Lehrern   noch   Büchern   zu   verdanken.   Das   war   an   einem warmen   und   sonnigen   Tag   im   April   mir   zugeflogen   oder   in   mir   geweckt   worden.   Aber   woher   kam ich? Brams,   dessen   Bauernhof   mir   seit   meiner   Bewusstwerdung   Heimat   war,   würde   mir   diese   Frage gewiss   beantworten   können.   Mich   mit   ihm   darüber   auszutauschen,   danach   wollte   ich   fortan streben.   Konnte   ich   doch   denken,   empfinden,   schlafen,   träumen,   lesen   und   schreiben   sowie sehen,   hören   und   den   Menschen   von   den   Lippen   lesen,   obwohl   ich   nicht   aus   Fleisch   und   Blut war   und   weder   Hände   noch   eine   Stimme   besaß.   Denn   ich   sei   ein   Stier,   wenn   auch   ein   ganz besonderer,    vernahm    ich    seit    meiner    Bewusstwerdung    von    Brams    und    von    vielen    anderen Zeitgenossen;   man   hatte   mich   gesehen   und   war   vor   mir   stehen   geblieben   oder   nähergekommen, bevor   man   sich   wieder   auf   sein   Fahrrad   setzte   oder   in   sein Auto   einstieg   und   weiterfuhr.   Manche auf   dem   Fahrradweg   mochten   mich   auch   als   willkommenen   Fixpunkt   erblickt   haben,   um   kurze Zeit   zu   rasten   oder   zu   verschnaufen.    Brams´   Enkel   sahen   vom   ersten   Augenblick   in   mir   ihren Freund;   das   beruhte   auf   Gegenseitigkeit.   Ich   hatte   keine   Zweifel,   dass   weder   sie   noch   ich wussten, wessen Sympathie zuerst da war.    Im   Laufe   dieses   Frühjahrs   und   Sommers   wurde   mein   Publikum   von   Woche   zu   Woche   größer,   so dass   ich   von   kleinen   Pilgergruppen   zu   schreiben   wage.   Viele   von   ihnen   besuchten   mich   immer wieder.   In   diesem   Zusammenhang   glaube   ich   nicht   zu   übertreiben,   eine   Fangemeinde   mein Eigen   zu   nennen.   Was   ich   da   hörte,   übertraf   sogar   mein   Wissen   über   Tiere,   insbesondere   das von    Rindern    aller    Art.    Demnach    schien    ich    viel    größer    zu    sein    als    die    Stiere    in    den Stierkampfarenen   Spaniens.   Sogar   die   männlichen   Büffel   auf   den   Prärien   Nordamerikas   und   in den    Savannen   Afrikas    überragte    ich.    Nur    die    geflügelten    Stiere    im    Louvre,    denen    geniale Bildhauer   vor   dreitausend   Jahren   die   Köpfe   finsterer,   bärtiger   Männer   in   Stein   gemeißelt   hatten, würden   sogar   meine   Statur   in   den   Schatten   stellen.   Das   meinte   ein   Opa,   der   an   einem   warmen und   sonnigen   Sonntagvormittag   mit   seinem   Enkel   auf   dem   Fahrradweg   unterwegs   war.   Beide hatten   schon   öfters   vor   mir   gestanden;   einmal   war   auch   die   Oma   des   Kleinen   dabei   gewesen.   Ich meinte,   sie   gehörten   schon   längst   zu   meinem   Stammpublikum.   Wenn   mich   meine   Erinnerung nicht trog, hatte ich sie bereits wenige Tage nach meiner Bewusstwerdung wahrgenommen. Ich   vermutete,   dass   der   Bub   und   sein   Opa   an   diesem   Sonntag   nach   der   Messe   und   vor   dem Mittagessen   schnell   einen   Abstecher   zu   mir   machen   wollten.   Auch   dieses   Mal   sah   ich   diesem Dreikäsehoch   an,   dass   er   sich   freute.   In   seinem   Gesicht   spielte   ein   Lächeln   von   großem   Liebreiz und   Eifer;   es   war   eine   Mimik   der   Verzückung   und   Liebe.   Auch   vermisse   man,   fuhr   der   Opa   fort, an   den   Stier-Monumenten   im   Louvre   die   friedfertige   und   brave   Natur   dieses   Stieres   hier.   Es   käme einem   Wunder   gleich,   wenn   der   Zweck   der   Mischwesen   im   Louvre   nicht   pure   Propaganda   für   die assyrischen Könige gewesen wäre. Könne   man   sich   so   ähnlich   auch   den   Minotaurus   vorstellen,   den   Theseus   besiegte,   fragte   der Enkel   an   seiner   Seite.   »Ich   denke   schon«,   meinte   der   Opa   und   sah   auf   die   Uhr.   »Bub,   ich   glaub, wir   müssen   uns   wieder   auf   den   Heimweg   machen,   sonst   macht   sich   die   Oma   Sorgen.   Sie   mag   es gar nicht, wenn wir zu spät zum Mittagessen kommen.« »Aber der Stier ist so schön, Opa!«, flehte der Blondschopf.  
Hans Regensburger Literatur und Bilder Während eines Sommers