Hans Regensburger Literatur und Bilder
Plaisir d´amour © Hans Regensburger 2014
Erzählen, um zu unterhalten - erzählen in Bildern
Plaisir d´amour
“Plaisir d´amour” - Roman 2016 277 Seiten - Textumfang ca. 58500 Wörter Zeit und vorwiegende Orte der Handlung: 1747 bis 1816, Freystadt, Neuburg/Donau, Straßburg, Nancy, Paris, Lyon und wieder Paris und schließlich wieder Freystadt ISBN: 978-3-95452-690-1        Spielberg Verlag Regensburg-Neumarkt     12,90 Euro Den Roman können Sie bei allen Buchhandlungen, bei mehreren Internetanbietern, beim Verlag oder beim Autor erwerben. Versand vom Autor mit Portoaufschlag.   Ein historisch-biografischer Roman über den Komponisten Jean Paul Egide Martini. Martini wurde 1741 in Freystadt geboren, und er verstarb 1816 in Paris. Dort brachte er es vor der Französischen Revolution und danach als Komponist und Superintendant der königlichen Musik zu Anerkennung. Weltruhm erlangte er mit der Kompositon des Liedes Plaisir d´amour. Der Roman erscheint zu Martinis 200. Todestag im Januar 2016 im Spielberg Verlag Regensburg-Neumarkt. Die Stadt Freystadt erklärt das Jahr 2016 zum Martini-Jahr. Inhalt Freystadt   1747.   Die   Mutter   des   6-jährige   Johann   Paul   Ägidius   Martin   stirbt.   Sein   Vater   heiratet   noch   im selben   Jahr   wieder.   Der   Bub   hat   fortan   unter   seiner   Stiefmutter   und   seinen   Halbgeschwistern   zu   leiden. Seine   außerordentliche   musikalische   Begabung   ebnet   dem   11-Jährigen   den   Weg   ins   Jesuitenseminar   nach Neuburg   an   der   Donau.   Dort   fällt   ein   Mordverdacht   auf   ihn.   Johann   Paul   Ägidius   ist   zum   Priester bestimmt.   Er   jedoch   kann   sich   seine   Zukunft   nur   als   Musiker   und   Komponist   vorstellen.   17-jährig   sucht   er bei   Nacht   und   Nebel   das   Weite.    Erst   nennt   er   sich   Johann   Paul   Ägidius   Schwarzendorf,   später   Jean   Paul Egide Martini, auch Jean Paul Egide Martini il Tedesco. In Straßburg verlieben sich der junge, mittellose Musiker und dessen Clavierschülerin Clara unsterblich ineinander. Doch diese Liebe scheitert an den Eltern des Mädchens. In dieser vermögenden und angesehenen Straßburger Familie hegt man andere Pläne mit dem einzigen Sprössling, und Clara gehorcht. Für sie komponiert er das Lied ohne Worte, die Melodie für das spätere Lied Plaisir d´amour. Martini zieht weiter. Plaisir d´amour macht ihn über Nacht unsterblich. In Paris vermag er sich als Komponist, Musiklehrer, Clavier- und Orgelvirtuose zu etablieren. Mit manchen seiner Opern feiert er Triumphe. Er wird über Paris und Frankreich hinaus bekannt. Der König ernennt ihn zum Superintendanten der königlichen Musik. Als »Le  Grand Martini «  bezeichnet man ihn. Er ist ganz oben angekommen, dann überrascht ihn die Französischen Revolution. Zunächst bestätigt man ihn in seinem hohen Amt. Doch plötzlich ist er nicht mehr gefragt und wird des Amtes enthoben. Immer wieder werden seine Hoffnungen enttäuscht. So vergeht ein Jahr nach dem anderen. Trotz seines nach wie vor ungestillten Schaffensdrangs glaubt Martini nicht mehr an bessere Zeiten. Ist er in Vergessenheit geraten? Martini sehnt sich nach Clara. Es scheint, auch sie hat ihn vergessen. Leseprobe                                 Hans Regensburger - Plaisir d´amour - Roman Prolog    Was   kann   man   tun,   um   einen   in   Vergessenheit   geratenen   Menschen   wieder   ein   Gesicht   zu   geben?   Wie   nähert   man sich      einem   solchen?   Einem   Mann,   der   vor   zweihundert   Jahren   als   Person   des   öffentlichen   Lebens   in   Paris   verstarb, das   hörte      ich.   Außerdem   sagte   man   mir,   dieser   Tote   sei   berühmt   gewesen,   denn   nicht   ein   paar   Leute   folgten   sei- nem   Sarg,   sondern      halb   Paris   in   einem   Kondukt;   nicht   von   ungefähr   ehrte   ihn   der   nachnapoléonische   König   Lud- wig XVIII. mit einem  Staatsbegräbnis und einer letzten Ruhestätte in Père Lachaise.    Ich   horchte   auf,   denn   auf   dieser   Begräbnisstätte   für   Außergewöhnliche   und   Reiche   sowie   sicherlich   auch   für     Lebenskünstler   und   Glücksritter,   doch   vor   allem   ein   letzter   Ort   für   Komponisten,   Musiker,   Maler,   Bildhauer, Dichter   und      Wissenschaftler   ist   jedes   Grab   auch   ein   Kunstwerk.   Der   Friedhof   ein   Gesamtkunstwerk,   das   die Schönheit   und   in   ihr   die      Künste   preist   und   feiert.   Vielleicht   ein   heimlicher   Versuch,   um   dem   Tode   zu   trotzen,   der den   Menschen   gleichmachen      und   seinen   Geist   zerstäuben   möchte.   Père   Lachaise   aber   scheint   ihn   am   Entrücken   ins Sphärische   zu   hindern   und   wartet      mit   einer   eigenen   Form   der   Seelenwanderung   und   Wiedergeburt   auf.   Eine Wiedergeburt in nichts als den Schönen  Künsten.    Wo   könnte   man   Nietzsches   Zuversicht   –   ja,   grenzenlose   Zuversicht   und   nicht   trostlose   Einsicht   –,   dass   der   Mensch die      Künste   habe,   damit   er   an   der   Wahrheit   nicht   zugrunde   gehen   müsse,   besser   verstehen   als   in   Père   Lachaise? Wenngleich   für   die   Franzosen   dieser   Ort   etwas   geringere   Bedeutung   haben   mag   als   das   Panthéon.   Denn   dort   liegen die   Allergrößten      der   französischen   Nation,   allen   voran   Voltaire   und   Rousseau.   Links   und   rechts   am   Eingang   der Gruft   scheinen   ihre      Sarkophage   zu   wachen,   vielleicht   um   unablässig   den   Geist   der   Aufklärung,   der   Freiheit,   der Gleichheit und der  Brüderlichkeit anzumahnen. Mir   dämmerte,   wen   man   meinte,   und   man   nickte,   als   ich   fragte,   ob   es   sich   bei   jenem   Vergessenen   um   Jean   Paul Egide  Martini handele. Nun erinnerte ich mich an meinen Besuch in Père Lachaise.   Vor   einigen   Jahren,   es   war   November,   schlenderte   ich   dort   durch   die   Grabreihen.   Plötzlich   spürte   ich   etwas   in   einem     meiner   Schuhe.   Ein   Steinchen   befand   sich   darin.   Beim   Entfernen   fuhr   mir   ein   milder   Windstoß   durchs   Haar.   Denn sogar   im   Schatten   der   Grabmäler   und   Mausoleen   war   die   Luft   lau.   Diesen   sonnigen   Novembernachmittag   hätte   man auch mit  einem Nachmittag im Mai verwechseln können.   Damals   wusste   ich   nicht,   dass   auf   diesem   Friedhof   auch   das   Grab   Jean   Paul   Egide   Martinis   zu   finden   war,   dessen     Todestag   sich   am   14.   Februar   2016   zum   200.   Mal   jährt.   Und   wenn   ich   dessen   Grabmal   so   zufällig   entdeckt   hätte   wie das      des   Lyrikers   Apollinaire,   wäre   ich   davor   stehen   geblieben?   Gewiss!   Und   wie   es   in   Père   Lachaise   Sitte   ist,   hätte ich auf dieses Grab nicht nur einen Stein gelegt, sondern auch das Steinchen aus meinem Schuh.   Man   ist   geneigt,   selbst   mit   einem   x-beliebigen   Menschen   zu   wetten,   dass   dieser   Wiederzuentdeckende   aus   dem      Aus- land   kam,   in   der   Provinz   geboren   wurde   und   ein   Künstler   war   –   ein   Musiker   und   Komponist.   Denn   welcher     Künstler   war   damals   nicht   Musiker   und   welcher   Musiker   nicht   auch   Komponist?   Bände   füllend   all   jene,   die   damit   ihr     Auskommen   suchten   und   so   schnell   vergessen   wurden   wie   Musik   im   Ohr   eines   unmusikalischen   Menschen.   Hätte     jemand    dagegengehalten,    man    hätte    die    Wette    gewonnen.    Tatsächlich,    Martinis    Wiege    stand    im    Westen    der Oberpfalz,   in      Freystadt,   wo   ich   einen   Katzensprung   davon   entfernt   geboren   wurde   und   lebe.   In   Freystadt   hatte man   an   seinem      Geburtshaus   eine   Erinnerung   in   Stein   gemeißelt   und   die   Schule   nach   ihm   benannt.   Was   ihm   bislang dort    nicht    zuteil    werden    konnte    war,    ihn    aus    der    Finsternis    der    Archive    zu    befreien,    ihm    wieder    Leben einzuhauchen, um ihn für jedermann erleb- und fassbar zu machen, spätestens im Gedenk-jahr 2016.   Im   Spitalcafé   in   Freystadt   bei   Bier   und   Wein   schien   man   einen   solchen   Zustand   herbeizusehnen   und   wusste   nicht, wie      man   ihn   herbeiführen   konnte.   Man   hatte   ja   bereits   über   die   steinerne   Erinnerungstafel   am   Geburtshaus   und   die     Namensgebung   der   Schule   hinaus   einiges   dafür   getan:   so   manches   aus   Martinis   Œuvre   aufgeführt.   –   Eine   große,     feierliche   Messe   in   der   Wallfahrtskirche,   dort   und   andernorts   Musik   aus   seinen   Opern,   einige   Sinfonien   und   immer und      immer   wieder   Plaisir   d´amour   –   sein   unsterbliches   Lied.   Möglicherweise   das   Lied   seines   Lebens.   Ein   Lied,   so morbide   und   schön   wie   Lili   Marleen.   Eine   Poesie,   ein   Mikrokosmos   seiner   75   Lebensjahre   –   vielleicht.   Wenn überhaupt,   wollte   ich      diesen   wenigen   Minuten   großer   Kunst   nachspüren,   um   in   ihr   den   Schöpfer   und   Menschen   zu entdecken,   den   ich   eigentlich   nicht   entdecken   wollte.   Einen   Opportunisten   –   doch   vielleicht   notgedrungen,   wer weiß.   Die   Kultur-   und   Kunstliebhaberinnen   Ursula   Steinert   und   Marie   Luise   Karl   überraschten   mich   in   dieser   geselligen     Runde   mit   der   Idee,   ich   möge   einen   Roman   über   diesen   Künstler   schreiben.   Ich   erschrak.   Dessen   ungeachtet      soli- darisierte   sich   Willibald   Gailler,   der   Bürgermeister   von   Freystadt,   mit   diesem   Gedanken.   Fortan   schien   es   für   mich        kein   Zurück   mehr   zu   geben.   Nun   heftete   sich   dieser   Künstler   wie   ein   Schatten   an   meine   Fersen.   Ein   ständiger Begleiter,   den   ich   weder   abschütteln   konnte   noch   wollte;   dennoch   ein   lästiger   Verfolger,   der   mir   nicht   ganz   geheuer war.   Ich   liebäugelte   mit   dem   Wunsch,   wie   einst   Peter   Schlemihl,   so   möge   auch   mir   eine   Person   begegnen,   die Schatten   kaufe.   Doch   in   Erinnerung   an   Schlemihls   Schicksal   war   mir   dieser   Schatten   tausendmal   wertvoller   als   der Ertrag   seiner   Veräußerung   –   eine   Börse   mit   Gold,   die   nie   leer   wird.   Dass   ich   das   ungeachtet   dessen   nicht   tun   würde, war   so   gewiss   wie      die   Wahrmachung   dieses   Bildes   unmöglich.   Doch   konnte   ich   mich   an   diesen   Schatten   gewöhnen oder   gar   mit   ihm   anfreunden   und   an   welchem   Ort,   wenn   es   denn   schon   sein   musste?   Paris   oder   Freystadt   standen zur   Wahl,   was   sonst.   Ich   favorisierte   Paris.   Von   dort   wollte   ich,   reich   an   Abenteuern,   im   Gedenkjahr   2016   den großen   Sohn   nach   Freystadt      heimholen   –   zwischen   zwei   Buchdeckeln   als   Held   eines   Romans.   Bevor   ich   mich   spät in   der   Nacht   schlafen   legte,   ging   ich   zum      Geburtshaus   des   Komponisten.   Dort   vergewisserte   ich      mich,   was   auf   der steinernen   Tafel   geschrieben   stand.   Zum   ersten   Mal   wunderte   ich   mich   über   dessen   französische   Vornamen   und   den italienischen Familiennamen.   Ich   kehrte   nach   Hause   zurück   und   las   in   meinem   spärlichen   Fundus,   dass   er   seine   Vornamen   französisch   und   seinen     Familiennamen   italienisch   naturalisiert   hatte.   So   war   aus   dem   am   31.   August   1741   in   Freystadt   zur   Welt   gekom- menen   Johann   Paul   Ägidius   Martin   später   in   Frankreich   ein   Jean   Paul   Egide   Martini   geworden.   Wie   ich   vermutete: ein      Opportunist.   Doch   ein   weiterer   Blick   in   die   Liste   seiner   Lebensdaten   belehrte   mich   eines   Besseren:   Martini   war kaum   sechs,   da   starb   seine   Mutter.   –   Deshalb   ein   Leidtragender   und   vielleicht   bald   schon   ein   doppelt   Leidtragender, weil ihm noch im Todesjahr seiner Mutter eine Stiefmutter zugemutet wurde.   Wer   wollte   darüber   den   Kopf   schütteln,   dass   er   fünf   Jahre   später   keine   Träne   vergoss,   als   man   ihn   ins   Seminar   zu den   Jesuiten   nach   Neuburg   an   der   Donau   schickte.   Im   Bett   liegend   versuchte   ich   mich   mit   der   Vorstellung anzufreunden,   damals   in   Père   Lachaise   doch   sein   Grab   gesucht   und   gefunden   zu   haben.   Reumütig   und   das   Gerippe von   Martinis   Lebens-   und   Schaffensdaten   in   Erinnerung   rufend,      ersehnte   ich   den   Schlaf.   Wie   würde   ich   so   bewehrt und   befrachtet   schlafen   können   und   aufwachen?,   vielleicht   mich   in      diesen   Mann   hineinträumen,   wohlwissend,   dass man   über   seine   Träume   keine   Macht   hat.   Ich   legte   mich   auf   meine   Einschlafseite,   schloss   die   Augen   und   verkroch mich   im   Oberbett.   Plötzlich   erschien   vor   meinem   inneren   Auge   Martinis   Portrait.   Ein   Haupt   mit   Perücke,   ein   breiter Schädel,   ein   selbstgefälliger   Blick.   »Unbeirrt   und   protzig«,   dachte   ich.   Und   obwohl   es   nicht   Martinis   Epoche   war,     kamen   nach   und   nach   Bilder   des   Renaissancemenschen   hinzu.   So   wie   diese   ihre   Einzigartigkeit,   Selbstgewissheit   und Schönheit   feierten,   pflegten   sie   auch   die   Melancholie:   die   Haltung   des   in   sich      gekehrten   Suchers.   Eine   Lebens-   und Leidensform,   die   damals   die   Künstler,   Kaiser   und   Könige   für   sich   beanspruchten;   Menschen,   die   sich   selbst entdeckt   und   die   Ernsthaftigkeit   ihrer   Existenz   verinnerlicht   hatten   und   darauf   stolz   waren.   Von   alldem   keine   Spur in   Martinis   Gesicht.   Mir   erschien   es   so   selbstgefällig   und   unernst   wie   die   Kette   seines   französisch   und   italienisch naturalisierten   Namens,   der   mir   stereotyp   durch   den   Kopf   geisterte.   Ich   hoffte,   dass   ich   bald   einschlafen      und   diesen Martini   für   immer   vergessen   würde.   Doch   es   kam   anders.   Wusste   ich   denn   nicht,   dass   man   keine   Macht   über   seine Träume   hat?   Zuhörer   und   Begleiter   wurde   ich,   Zeuge   von   Martinis   Zwiesprache   mit   sich.   Er   legte   von   sich Rechenschaft   ab.   Denn      trotz   der   Komposition   von   Revolutionsliedern   und   Militärmusik,   trotz   der   Hymne   auf   die Republik,   trotz   mancher      Ergebenheitsadressen   und   Loyalitätsbezeugungen   für   den   neuen   Staat   –   die   Französische Republik   und   das   Französische      Kaiserreich   –   verlor   er   1792   das   Amt   des   Generalmusikdirektors   und   1802   seine Stellung   als   Inspekteur   des      Musikkonservatoriums   von   Paris,   die   er   1796   erhalten   hatte.   Offenbar   hatte   man   dem neuen   Herrscher   hintertragen,   dass   er   vor   dem   14.   Juli   1789   dem   verhassten   König   zu   Diensten   gewesen   sei.           Dieser   intime   Zustand   von   Martinis   Erzählen   strafte   sein   angebliches   Abbild   –   unmöglich   auch   Portrait   –   samt Maler   Lügen.   Es   schien,   Martini   war   froh,   mich   an   seiner   Seite   zu   wissen.   In   mir   hatte   er   jemanden   gefunden,   dem er   alles   anvertrauen   konnte,   ohne   der   Schönfärberei   anheimzufallen,   etwas   verbergen   und   lügen   zu   müssen.   So   wie er zu mir sprach, sprach er zu sich. Martini blickte weit in sein Leben zurück und erzählte. 1760 – Nach Straßburg geraten – als 19-Jähriger (6. Kapitel) Eigentlich   war   Nancy   mein   Ziel   und   nicht   Straßburg.   Vor   diesem   Sinneswandel,   der   in   Colmar   plötzlich   über   mich kam,      hatten   mich   Zweifel   heimgesucht.   Trotz   meines   Ziels   überwog   plötzlich   das   Gefühl,   ziellos   unterwegs   zu   sein, beim      Zechen   falschen   Versprechungen   auf   den   Leim   gegangen   zu   sein.      Wieder   wurde   mein   Geld   knapp.   Würde   es noch   bis   Nancy   reichen?   Ich   scheute   mich   davor,   meine   Börse   zu   stürzen      und   es   nachzuzählen.   Was   nutzte   mir   in dieser    vertrackten    Lage    –    angesichts    meines    schmalen    Geldbeutels    –    die    dicke    Mappe    mit    meinen    ersten Kompositionen?   Würde   ich   in   Nancy   überhaupt   den   Baron   de   Rondad   finden   oder   würde   sich      dieser   hohe   Beamte und   Musikenthusiast   am   Hofe   Herzogs   Stanislas   von   Lothringen   dort   gar   als   Erfindung   erweisen?   Der   Baron   habe das    Ohr    des    Herzogs,    hatte    ein    Frankreichreisender    behauptet.    Mit    ihm    war    ich    in    einer    Freiburger      Studentenschenke   ins   Gespräch   gekommen.   Er,   der   Baron,   könne   mir   den   Konzertsaal   des   Herzogs   öffnen   und gewiss      auch   die   Orgelempore   von   dessen   Hofkirche.   Erneut   bestellte   ich   für   ihn   und   mich   Bier.   Immer   wieder   hob er   an   diesem      feucht-fröhlichen   Abend   seinen   Krug   und   stieß   mit   mir   auf   meine   Zukunft   als   großer   Musiker   und Komponist   an.   Doch   so   wie   mein   Glaube   schwand,   in   die   Residenz   des   musikbesessenen   Herzogs   mithilfe   des Barons   de   Rondad   Eingang   zu   finden,   konnte   ich   nun   meinen   Verdacht   nicht   mehr   abschütteln,   dass   dieser herzogliche   Beamte   auf   einer      freien   Erfindung   beruhte,   ich   einst   in   Freiburg   beim   siebten,   achten   Krug   Bier   zum Besten    gehalten    wurde.    Das    süffisante    Lächeln,    der    hinterhältige    Augenaufschlag    dieses    Frankreichreisenden schienen   mir   dafür   Beweis   genug   zu   sein.   Waren   diese   Beobachtungen   urplötzlich   aus   meiner   Erinnerung   erwacht oder   lediglich   meiner   Phantasie      entsprungen?   Setzte   ich   mich   mit   Tatsachen   auseinander   oder   sah   ich   Gespenster? Einerlei,   meine   Zuversicht   war   dahin.   Ich   bereute,   während   der   beiden   Jahre   in   Freiburg   mit   meinen   Kompositionen mehr   Zeit   verbracht   zu   haben   als   an   der   einen   oder   anderen   Kirchenorgel   und   der   Unterweisung   von   Schülern.   Nun trauerte   ich   dem   Geld   nach,   das   mir   der      Dienst   als   Organist   und   Kantor   zusätzlich   eingebracht   hätte.   In   Freiburg und   Umgebung   hatte   ich   vor   allem   bei   den      Protestanten   so   manchen   Organistendienst   leichtfertig   ausgeschlagen, den einen oder anderen Orgelschüler hochnäsig  abgewiesen.   Geknickt   stieg   ich   in   Colmar   aus   der   Postkutsche   und   folgte   den   anderen   Reisenden   zur   Posthalterei.   Unter   dem Druck   in   meiner   Brust   verharrte   mein   Blick   auf   dem   zerklüfteten   Pflaster,   worüber   vor   und   hinter   mir   einige   Frauen jammerten      und   schimpften.   Trotz   der   nahen   Nacht   und   meines   knurrenden   Magens   hätte   ich   am   liebsten   vor   der Wirtshaustür      meinen   Schritt   gewendet   und   wäre   zu   Fuß   nach   Freiburg   zurückgekehrt.   Ich   fühlte   mich   nicht   mehr frei   wie   ein   Vogel,      sondern   vogelfrei   –   verloren.   Kaum,   dass   ich   mich   in   der   Wirtstube   der   Posthalterei   an   einen Tisch   gezwängt   hatte,   horchte   ich   auf.   Was   hatte   ich   trotz   des   lauten   Durcheinanders,   das   dort   herrschte,   soeben   aus einem   Gespräch   zweier   Männer   aufgeschnappt?   Ich   sah   auf.      Etwa   eineinhalb   Armlängen   vor   mir   saßen   zwei   Chor- herren   mit   mir   am   Tisch.   Sie   bestellten   bei   der   dunkelhaarigen   Kellnerin   Wein,   Brot,   Butter   und   geselchten Schinken.   Als   die   blutjunge   Frau   mich   ansah   und   fragte,   was   ich   wünsche,      begnügte   ich   mich   mit   Bier   und   Butter- broten.   »Den   Schnittlauch   nicht   vergessen!«,   rief   ich   ihr   hinterher.   Dann   kreiste      das   Gespräch   der   Geistlichen wieder   um   jenes   Thema,   das   mich   kurz   zuvor   aus   meiner   Niedergeschlagenheit   gerissen      hatte.   Erneut   beklagten   sie die   über   Nacht   eingetretene   Vakanz   der   Ersten   Hilfsorganistenstelle   am   Straßburger   Münster.      Sie   wünschten   jenem Verliebten,   der   mit   einer   Straßburger   Bürgerstochter   bei   Nacht   und   Nebel   durchgebrannt   sei,   die      Pest   an   den   Hals. Bald   darauf   runzelte   einer   von   ihnen   seine   Stirn   und   der   andere   warf   die   Frage   auf,   ob   sich   mit   jenem      Talent   im Badischen,   zu   dem   sie   unterwegs   seien,   diese   Lücke   wieder   füllen   lasse.   »Nichts   wie   hin   nach   Straßburg!«,   sagte      ich mir.   Und   tatsächlich   kam   ich   dort   den   beiden   mit   ihrem   Kandidaten   um   drei   Wochen   zuvor.   Als   dieser   mein   Spiel   hörte,     konnte   ihn   die   hohe   Geistlichkeit   des   Münsters   am   nächsten   Tag   in   ganz   Straßburg   nicht   mehr   ausfindig   machen.        So   wie   ich   meinen   Kontrahenten   mit   meiner   Kunst   an   der   Orgel   in   die   Flucht   geschlagen   hatte,   zog   sie   im   Laufe   der Zeit   Madame   Edlinger   an.   Sie   hatte   mit   ihrer   Mutter   beinahe   täglich   im   Münster   die   Messe   besucht.   Wie   sie   mir später      erzählte,   war   sie   eines   Tages   hellhörig   geworden.   Just   an   diesem   Morgen   spielte   ich   dort   meine   erste   Messe. Mit   der   Zeit      fand   Madame   Edlinger   heraus,   dass   ich   –   jener   Neue   –   vor   allem   werktags   beim   Siebenuhrgottesdienst in   die   Tasten   griff   und   das   Pedal   traktierte.   Schnell   war   in   ihr   der   Entschluss   gereift,   an   mich   heranzutreten.   Zu diesem   Zweck   hatte   sie   noch   während   der   Messe   ihren   Hausdiener   und   Kutscher,   einen   liebenswürdigen   alten Mann,   zu   mir   auf   die      Schwalbennestorgel   des   Münsters   beordert.   Und   ich   staunte,   was   ich   auf   dem   schmucken Billett   der   vornehmen   Frau      Edlinger   las,   das   ich   plötzlich   auf   dem   Notenpult   sah.   Nach   dem   Auszug   führte   mich der gebeugte Alte zu seiner  Herrin. Sie erwartete mich vor dem Münster.   »Mein   Herr,   auf   ein   Wort.«   In   ihrer   Begleitung   befand   sich   eine   ältere   Dame,   ihre   Mutter,   wie   ich   angesichts   der     Ähnlichkeit    ihrer    Gesichtszüge    sofort    richtig    vermutet    hatte.    Ich    lüftete    meinen    Dreispitz    und    erwiderte: »Mesdames, Euer ergebener Diener!«  »Seit   Euerer   ersten   Messe   rätseln   meine   Frau   Mutter   und   ich,   welch   großer   Künstler   plötzlich   die   Orgel   spiele.« Dieses      Lob   machte   mich   sprachlos.   Ich   errötete.   »O   Gott,   wie   jung   Ihr   noch   seid   –   so   unschuldig   jung«,   erschrak ihre   Mutter,   eine   Frau,   von   keineswegs   kleinem   und      zartem   Wuchs.   Allein   der   Aufzug   der   beiden   Damen   verriet ihre   Eleganz   und   wohl   auch   ihren   Reichtum,   noch   mehr   die   zweispännige   Kalesche,   die   ich   im   Schatten   des Münsters sah.   »Ich   bin   neunzehn,   bald   zwanzig,   Madame«,   erwiderte   ich   und   stellte   mich   vor.   Beide   Damen   wurden   nicht   müde, mich   mit   Komplimenten   zu   überhäufen.   »Meine   Frau   Mut-ter   und   ich   sind   längst      nicht   mehr   die   Einzigen,   die   Euch bewundern«,   sagte   die   Jüngere.   »Nach   jeder   Messe   wird   die   Schar   Euerer   Anhänger   größer«,   so   die   Ältere.   Als Ausdruck   meiner   Freude   nahm   ich      meinen   Dreispitz   ab,   schwang   mit   ihm   eine   Luftwelle   und   verneigte   mich.   »Euer Diener, Mesdames – ganz Euer ergebener Diener!«  »Ihr   könnt   wahrlich   die   Orgel   traktieren…,   o   nein:   spielen   wie   nur   wenige   und   gewiss   genauso   bravourös   das Clavier!«,   meinte   die   Jüngere   und   schwenkte   ihr   Schirmchen   vors   Gesicht,   worauf   die   Sonne   geschienen   hatte.        »Nun…«, äußerte ich und versuchte mich meiner erneuten Sprachlosigkeit zu entwinden.  »Mein   guter   Gatte   beschenkte   unsere   geliebte   Clara   zu   dero   16.   Geburtstag   mit   einem   Clavier   neuerster   Machart«, hob      sie   an.         ...      Ihr   Anblick   verschlug   mir   die   Sprache.   Clara   hatte   glattes,   blondes   Haar,   ihre   Augen   waren   hellblau und   ihre   Nase   etwas   breit,   doch   unaufdringlich.   Claras   Wuchs   war   schmal   und   hoch.   Ihr   breites   Lachen,   das plötzlich   in   ihrem   Gesicht   erstrahlte,   nahm   mir   im   Nu   die   Angst,   die   mir   ihre   engelsgleiche   und   unnahbare   Aura bereits   untergeschoben   hatte.   Als   ich   sie   zu   ihrem   Namenstag   beglückwünschen   wollte,   brachte   ich   dennoch   nur   ein Stammeln   über   meine   Lippen.   Flugs   erkannte   sie   meine   Notlage   und   stand   mir   bei:   »Ich   bin   so   froh,   mit   Euerer Kunst   am   Clavier   zum   Namenstag   beschenkt      zu   werden.«   Sie   nahm   mich   beiseite   und   ging   mit   mir   ein   Stück   –   stahl sich   mit   mir   in   die   Schar   der   Gäste.   Niemand   nahm   von   uns   Notiz.   Eingenebelt   von   der   Namenstagsgesellschaft und   dem   Geschwirr   ihrer   Plaudereien   und   Gelächter,      schienen   Clara   und   ich   vor   ihr   verborgen   zu   sein.   »Nun   kann ich   es   kaum   mehr   erwarten,   Euch   an   diesem   schönen   Instrument   zu   erleben«,   sagte   sie.   Dabei   versuchte   sie   mir etwas   zu   sagen,   doch   sie   kam   gegen   ihr   Kichern   nicht   an.   »Ich      alter   Kindskopf   hätte   es   wenigstens   ahnen   müssen«, brachte   sie   schließlich   unter   Tränen   heraus,   »dass   Ihr,   Herr   Martin,      Mamas   und   Papas   Überraschung   seid.   Hatten   sie doch   zuvor   Euer   Können   an   der   Orgel   und   am   Clavier   in   den   höchsten      Tönen   gelobt.   Mama   war   hingerissen.   Sie meinte   gar,   Euere   Musik   und   Euer   Musizieren   gleiche   einem   Wunder.   Als   sie   sah,   was   Euere   Finger   mit   den   Tasten anstellten,   konnte   sie   nur   noch   staunen.«   Nun   war   auch   mein   Verdruss   wie   weggeblasen.   Er   hatte   mich   ereilt,   kaum dass   ich   meinen   Fuß   über   die   Schwelle   des   Palais   Edlinger   gesetzt   hatte.   Zu   meinem   Entsetzen   teilte   mir   der Haushofmeister    mit,    dass    ich    während    meines    Auftritts    eine    Livree    zu    tragen    habe.    »Die        gleiche    wie    die Dienerschaft   im   Palais   Edlinger«,   betonte   er.   Meinen   neuen   blauen   Rock   und   schneeweißen   Kragen,   meine   neue hellgraue   Weste,   meine   neuen   dunkelgrauen   Hosen      und   beigen   Strümpfe   und   meine   Perücke   musste   ich   ablegen und   dieses   steife,   uniforme   Mausgrau   mit   seinen   gelben      Bordüren   anlegen.   Allein   meine   neuen   Schuhe   durfte   ich wieder   anziehen,   doch   nur,   weil   der   Haushofmeister   im      Gewandmagazin   des   Personals   für   mich   keine   passenden gefunden   hatte.   Es   dauerte   einige   Zeit,   bis   er   sich   endlich   mit      meinen   braunen   abfinden   wollte.   Ich   schüttelte   den Kopf,   vor   allem   über   mich.   Hatte   ich   mir   doch   in   wenigen   Tagen   meine   neuen   Sachen   machen   lassen      und   mich deshalb   auch   verschuldet.   Damit   sie   rechtzeitig   fertig   würden,   war   ich   die   ganze   Zeit   nicht   nur   von   Pontius   zu     Pilatus   geeilt,   sondern   ich   erklärte   mich   bei   manchem   Stück   mit   einem   der   Eile   geschuldeten   Preisaufschlag einverstanden.   Nun   war   alles   umsonst   gewesen.   »Das   fängt   ja   gut   an!«,   murrte   ich,   obschon   ich   mich   längst   dem Willen   des   Haushofmeisters   und   damit   gewiss   auch   dem   der   Edlingers   gebeugt   hatte.   Claras   Erscheinung   und Lachen   befreite   mich      von   dieser   Kränkung,   erlöste   mich   aus   meiner   Trübsal.   Schweigend   standen   wir   uns gegenüber.   Plötzlich   sah   Clara   zu      Boden.   Ich   folgte   ihrem   Blick.   In   diesem   Moment   raffte   sie   ein   wenig   den Reifrock   ihres   Kleides   und   trat   einen   kleinen      Schritt   zurück.   Ein   Taschentuch   kam   zum   Vorschein.   Ich   hob   es   auf und reichte es ihr. Sie errötete, nickte und lächelte.