Hans Regensburger Literatur und Bilder
Parzivals Wiedergeburt © Hans Regensburger 2014
Erzählen, um zu unterhalten - erzählen in Bildern
Parzivals Wiedergeburt - neuer Titel: Stromausfall - Entwicklungsroman Roman 2012; 292 Seiten - Textumfang ca. 85.000 Wörter Zeit und Orte: 1977-1996, New York, Bonn, Köln, Erlangen, Nürnberg, Hohenfels, Parsberg, Abenberg, Wolframs-Eschenbach Gerhard Breitbarth Verlag, Regensburg; ISBN 978-3-9435-6419-8; Buch - 14,95 € ISBN 978-3-9435-6418-1: ePub - eBook-Reader - 8,95  € Wegen der Geschäftsauflösung des Gerhard Breitbarth Verlags im September 2013 ist der Roman “Parzivals Wiedergeburt” als Verlagsausgabe vergriffen. Er liegt nun als Eigendruck des Autors in Buchform vor; 8,00 € Überarbeitung des Textes sowie Neugestaltung des Buchäußeren: Oktober 2016  Der Roman kann entweder beim Autor vor Ort bezogen oder bei ihm bestellt werden - Versand vom Autor mit Portoaufschlag.   Zum Inhalt Parzival, geboren in New York, teilt dort mit seinem Vater und dem kauzigen Bird eine bescheidene Wohnung. Parzival ist in Florence, seine ehemalige Lehrerin, verliebt, die aber seine Liebe nicht erwidert. Dennoch verbindet beide eine enge Freundschaft, wenn nicht gar eine Seelenverwandtschaft. In jedem Fall haben sie eine einzigartige intellektuelle Beziehung. Es ist eine Beziehung zwischen Erwachsenen. Parzival holte bei Florence seinen Schulabschluss nach, den er als Kind und Jugendlicher versäumt hatte. Sie lernte von ihm, der mit Deutsch und Amerikanisch aufwuchs, die deutsche Sprache. Parzivals außergewöhnlichem Unternehmen, das seinen gesellschaftlichen Aufstieg einläuten sollte, bleibt der Erfolg versagt. Dieser wäre gleichbedeutend mit Florence´ ganzer Liebe gewesen, glaubt er. Als er mit leeren Händen vor ihr steht, fällt in New York der Strom aus. Beide wollen dem Verhängnisvollen dieser Nacht entrinnen. Parzival fürchtet eine Strafverfolgung, flieht. Er tritt in die Army ein und macht dort Karriere. Ohne von einander zu wissen, verschlägt es sie nach Deutschland. Sie gründet dort eine Familie, genauso er. Ihre ahnungslosen Kinder besuchen dieselbe Schule und verlieben sich ineinander. Auf einem Fest spürt Florence, in wen sich ihre Tochter verliebte. Sie fordert das Ende dieser Beziehung, nennt aber zunächst nicht den Grund. Von da an schlittert ihr Leben in die Krise. In Wolframs-Eschenbach sucht Parzival nach den Spuren seiner deutschen Mutter. Der Zufall führt ihn in Wolframs Museum, wo er auf Florence trifft, die sich auf einer Klassenfahrt befindet. Ehe sie dort einander gewahr werden, rezitiert sie vor ihren Schülern Wolfram von Eschenbachs Parzival versäumte Frage an Amfortas: "hêrre, wie stêt iwer nôt?" Florence und Parzival fehlen die Worte, obwohl sie eine Aussprache herbeisehnen Der Leser Dr. Joachim Balsliemke schreibt über den Parzival:  Der Titel des Romans lässt wegen der Bezugnahme auf die hochmittelalterliche Parzival-Dichtung an eine überwiegend intellektuelle und schwer verdauliche Kost denken. Stattdessen handelt es sich um einen sehr spannenden und emotional bewegenden Roman. Das Schicksal des Protagonisten bewegt sich, ausgehend von den Schlüsselereignissen während des Blackouts in New York im Jahr 1977, bis in das Deutschland der Gegenwart. Die Handlung ist eingewoben in ein menschliches Dauerthema: Schuld und Vergebung von Schuld, sowohl in einem personalen als auch in einem gesellschaftlichen Kontext. Am Ende des Romans steht eigentlich eher ein Happyend als ein Unhappyend. Andererseits stimmen der Schluss und die Auflösung der personellen Verwicklungen auch nachdenklich. "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" heißt es. Dass das Erkennen und Vergeben von Schuld nicht nur ein christlich moralischer Imperativ ist, sondern für die beteiligten Personen auch befreiend sein kann, wird in der Zuspitzung der Geschehnisse deutlich. Schuldig werden, sich selbst suchen und eine Entwicklung durchleben von Selbstbezogenheit zu stärkerer Empathiefähigkeit, in diesem Sinne handelt es sich bei dem Protagonisten um einen Parzival und um die Wiedergeburt eines zeitlosen Lebensmotivs. Es ist ein gelungener Roman, der neben geistiger Anregung auch Lesevergnügen gewährleistet. Der Leser Ralf schreibt über den Parzival:  Als ich durch meine Freundin in eine Vorlesung zu diesem Buch kam, war ich zunächst skeptisch, da ich zunächst nur von den komplexen geschichtlichen Zusammenhängen erfuhr, welche mich eher abschreckten und mich befürchten ließen, hierbei handelt es sich um einen sehr trockenen Roman. Jedoch wurde ich in allen Belangen eines Besseren belehrt, da die Lesung sehr kurzweilig war und die anschließende Lektüre ebenso, was dadurch bewiesen wurde, dass ich das Buch innerhalb von drei Tagen las. Regensburger hat es mit diesem Buch geschafft, mich sehr gut zu unterhalten und mir auch vieles beigebracht. Ob dies nun die liebevoll beschriebene Bonbonherstellung ist oder eben eine Reihe von geschichtlich durchaus interessanten Zusammenhängen. Einzig zu bemängeln wäre die vorweg verfasste Inhaltsangabe, welche ein wenig das Unvorhersehende vorhersehen lässt. Es gibt jedoch trotz alledem ein sehr spannendes wie bedrückendes Ende. Alles in allem also ein sehr lesenswertes Buch, das Freude auf mehr macht. Der Leser Dr. Bernd Adam schreibt über den Parzival: Ich staune über den weiten Bogen der Handlung, den der Autor in diesem großen Roman schlägt. Sie beginnt 1977 in New York-Harlem, führt im Laufe der Zeit unter anderem nach Nürnberg und endet zwei Jahrzehnte später in Wolframs-Eschenbach und Abenberg. Vor allem in den letzten Kapiteln steckt unaufdringlich und anregend zugleich viel Lokalkolorit, das zum eigenen Nachspüren in der Realität anregt. Nicht alles, was ich las, vermochte bei mir Türen zu öffnen – dazu sind mir manche Gedanken inzwischen zu fremd geworden, etwa solche, die im hitzigen Gespräch von Jugendlichen geäußert werden oder in der von Alkohol befeuerten Diskussion Erwachsener, die sich über politische Geschehen in Vergangenheit und Gegenwart und dessen Bewertung streiten. An solchen Stellen habe ich etwas schneller, auch mal diagonal gelesen. Aber zu vielem, auch zu vielen psychologischen Überlegungen, die selten theoretisch und meist lebensnah formuliert sind, konnte ich eine Tür finden, und ich denke, Hans Regensburger legte mit „Parzivals Wiedergeburt“ einen wirklich bemerkenswerten Roman vor. Immer wieder ließ ich mich vom streckenweise rasanten Handlungsverlauf und von der Liebe des Autors zum psychologischen Detail mitnehmen. Dass mir dieser Roman zugänglich wurde, dafür bin ich dankbar! Leseprobe  Aus Kapitel 1, Teil I Im Dampf- und Glutsommer 1977 mögen die New Yorker in ihrer Erfahrung Trost gefunden haben, dass selbst die Tage der gnadenlosesten Schwüle und Hitze gezählt sind. Trotzdem, so schien es, trugen sie in diesen argen Brenn- und Schwitzwochen ihre Bilder und Andenken von einer kühleren Atmosphäre und von einem belebenden Regen sang- und klanglos zu Grabe. Man   war   zufrieden,   wenn   die   Hitze,   die   scheinbar   unerschütterlich   auf   den   Straßen   und   Plätzen   lastete,   nicht   jede   atlantische Brise fraß oder vor die Küste verbannte. In   Manhattan,   Queens   und   manch   anderen   Gebieten   der   großen   Stadt   mochte   man   sich   glücklich   schätzen,   das   Meer   vor   der Haustür   zu   haben   und   man   konnte   vielleicht   auch   für   jene   Mitleid   aufbringen,   die   weiter   landeinwärts   zu   leben   hatten.   Wohl wissend, dass es an solchen Tagen dort nichts als Sonne, nichts als Hitze, nicht den zaghaftesten Windhauch gab. Daran   verschwendete   man   in   der   Bronx   keinen   Gedanken.   Wer   sollte   an   der   Besonderheit,   in   einer   Stadt   am   Nordatlantik   zu leben,   einen   Vorzug   erkennen?   Es   konnte   nicht   sein,   dass   sich   allein   die   Meereswinde   nicht   gegen   sie   verschworen   hatten.   War man   jenseits   der   Dreißig,   stieß   die   Klage,   die   gesamte   Welt,   auch   Gott,   stünde   gegen   einen,   nie   auf   ein   Kopfschütteln.   Wohl   oder übel   hatte   man   löchrige   und   verschmutzte   Straßen,   von   Müll   übersäte   Gehsteige   und   Wege,   verfallene   Gebäude,   schäbige Wohnblocks,   herumlungernde   Schlägertypen,   Gauner,   schräge   Vögel   zu   erdulden.   Man   machte,   wenn   es   die   Zeit   erlaubte,   um   all das   einen   großen   Bogen.   Selbst   bei   angenehmerem   Wetter   konnte   das   jedermanns   Nerven   strapazieren.   Die   Hitze   aber   schien   die Alltagslasten   zu   verdoppeln.   An   solchen   Hundstagen   konnten   die   Leute   den   Anbruch   des   Abends   gar   nicht   mehr   erwarten.   Denn von da an war die Nacht nicht mehr weit. Was gehen konnte, kam nach draußen. An   fast   jeder   Stelle,   die   dafür   geeignet   erschien,   wurde   Basketball   gespielt.   Die   Bemerkungen,   Redensarten   der   jungen   Spieler legten   die   Vermutung   nahe,   dass   sie   in   ihren   Köpfen   eine   Zeitreise   in   die   Zukunft   unternahmen.   Dort   spielten   sie   nicht   auf   der Straße,   sondern   in   den   großen   Sportarenen      Amerikas.   Umjubelt   und   geliebt   von   ihren   Fans;   fürstlich   entlohnt   von   den Eigentümern ihrer Clubs und umworben von den Präsidenten anderer Clubs. Unweit   von   einer   Haltestelle   der   Untergrundbahn,   wo   der   Kundige   noch   nicht   das   Wort   Teufelsküche   in   den   Mund   nehmen wollte,   aber   bereits   ungeniert   von   einem   Getto   sprach,   hatten   basketballverrückte   Erwachsene   für   ihre   Sprösslinge   einen   Korb befestigt.   Auch   wenn   an   dieser   Stelle   fast   nichts   an   ein   richtiges   Spielfeld   erinnerte,   die   Höhe   des   Korbs   sollte   nicht   einen Fingerbreit   von   jener   im   Madison   Square   Garden   abweichen.   Dieses   ausgelaugte,   fransige   Geflecht   zog   die   Jungs   aus   der Umgebung   in   seinen   Bann.   Und   keiner   von   ihnen   fluchte   über   den   frostnarbigen,   welligen   Asphalt,   über   den   sie   zu   federn schienen. Wie die Regeln des Spiels waren diese Unebenheiten den Spielern in Fleisch und Blut übergegangen. Der Enge und dem Mief der Subway entronnen, hatte Parzival Arthur Milton stets dort seinen Heimweg unterbrochen, auch dann, wenn er lieber in seinen Gedanken geblieben wäre. Sobald er in die Reichweite ihres besten Distanzwerfers gekommen war, flog ihm ihr Ball entgegen. Und Parzival dribbelte, täuschte, passte, vollendete. Aus Kapitel 11, Teil II     Nora und Ralph hatten sich, nachdem sie wieder aus Amerika zurückgekehrt war, täglich zum Baden oder Eisessen verabredet. Nur an zwei Tagen wurde sie, wie die Jahre zuvor, von ihren Eltern zur Vorbereitung des Sommernachtsfestes gebraucht. Am   Freitag   war   großer   Einkauf,   am   Samstag   hatte   man   im   Haus   und   Garten   zu   tun.   Man   scheute   keine   Kosten   und   wollte   die Gäste   genauso   verwöhnen,   wie   man   auf   deren   Feste   verwöhnt   wurde.   Doch   die   Spezialität,   die   bislang   unkopiert   geblieben   war, durfte auch bei dieser Party nicht fehlen.  Kaum   hatte   Gunther   die   Befürchtung   beschworen:   »Ihnen   wird   doch   nicht   ausgerechnet   heuer   etwas   dazwischen   gekommen sein?«,   rollte   ein   schwerer   Mercedes   auf   die   Garagenzufahrt.   »Helmut   und   Hilde,   endlich!«   Gunther   eilte   hinaus.   Noch   ehe   die Ankömmlinge   ausgestiegen   waren,   bewunderte   er   das   neue   Auto.   Helmut   Wolf,   ein   gelassener   und   selbstbewusster   Mittfünfziger, meinte,   Gunther   möge   die   Kirche   im   Dorf   lassen,   denn   auch   dieses   funkelnagelneue   und   sündhaft   teure   Auto   würde   eines   Tages genauso   beim   Schrotthändler   enden   wie   der   billigste   und   unansehnlichste   Ausländer.   Doch   zuerst   wolle   er   Grüß   Gott   sagen;   er hoffe,   alles   sei   wie   immer   in   bester   Ordnung.   Die   Kinder   genössen   den   Rest   der   Ferien   und   des   Betriebsurlaubs   lieber   zu   Hause mit   ihren   Freunden.   Unser   Markus   wolle   heuer   erst   einen   Tag   vor   Schulbeginn   mit   dem   Zug   anreisen.   Florence   und   Hilde strahlten   sich   an.   Ihrem   Händedruck   folgen   Wangenküsschen   links   und   rechts.   »Gut   siehst   du   aus,   Hilde,   richtig   gut!   Wie   schick deine   Bluse   ist   –   wo   hast   du   sie   gekauft?«,   sagte   Florence   nachdem   sie   und   Hilde   sich   umarmt   hatten   und   diese   antwortete:   »Und du   umwerfend   wie   immer;   schön   dich   zu   sehn,   Florence.   Mit   welcher   Garderobe   wirst   du   uns   heut   Abend   überraschen?«   Beide lachten   übers   ganze   Gesicht.   Nora   kam   hinzu.   Flugs   deckte   sie   einen   Gartentisch   und   schenkte   Kaffee   ein.   Man   plauderte, scherzte,   erzählte   Witze,   lachte.   Nichts   als   heitere   Gesichter,   nichts   als   gute   Laune.   Dann   machte   Helmut   Wolf   beinahe überfallartig   der   Unterhaltung   den   Garaus.   »Wenn   man   auch   heuer   die   besten   Fränkischen   Bratwürste   der   Welt   auf   dem   Grill haben möchte, dann kann es bei aller Freundschaft nicht so weitergehen«, witzelte er. Alle lachten. Wie   von   magischen   Kräften   gehoben,   schwenkte   der   Kofferraumdeckel   in   die   Höhe.   Helmut   Wolf   pries   die   Güte   der   Waren, die   sich   im   Kofferraum   befanden.   Seine   Art   zu   reden   und   zu   gestikulieren,   machte   seine   Aussagen   unangreifbar.   Weit   holte   er   aus. Bass   und   fränkischer   Zungenschlag   walzten   breit   dahin.   In   den   Kühlboxen   sei   schlachtfrisches   Schweinefleisch   der   höchsten Qualitätsstufe.    Deswegen    habe    gestern    Nachmittag    ein    Schwein    sein    Leben    lassen    müssen    –    das    glückliche    Schwein    der Oberpfälzer    Bauersleute    Regina    und    Erwin    Mauderer.    Für    diese    lege    er    seine    Hand    ins    Feuer.    Dieses    Tier    sei    langsam herangereift; es habe nur bestes Futter genossen, das frei von Spritzmitteln und Medikamenten gewesen sei. Ehe   die   Männer   anpackten,   die   Kühlboxen   mit   dem   Fleisch,   den   Karton   mit   den   Gewürzen,   den   Därmen,   den   Fleischwolf   und, und, und in den Keller zu bringen, deutete Helmut Wolf auf das Bier und den Wein. Gestenreich kam er darauf zu sprechen. Aus Kapitel 19, Teil III    Der Bus erreichte sein Ziel. Man drängte ins Freie, befand sich auf dem Parkplatz, strebte ins Herz von Wolframs-Eschenbach, ging dort zum Wolfram-von-Eschenbach-Platz, zu Wolfram selbst, zu dessen Museum und Monument. Overesch scharte die Kollegen um sich, deutete auf den in Bronze gegossenen Dichter. Ob sie nun Cargohosen oder enge Jeans anhatten, T-Shirts, Tops oder luftige Sommerkleider, alle betrachteten ihn, gingen um ihn herum. Einige von ihnen lehnten sich an den Brunnen, den ein Sockel umfing, und griffen ins kühle Nass. »Tolles Wetter erwischt«, meinte Overesch mit Blick auf Wolframs lorbeerbekränztes Haupt. »Kaiserwetter«, unterstrich Tonner, der anstelle von Graim ins Kollegium gekommen war, damals vor einem Jahr. »Heiß wird´s werden«, so Florence´ Prognose. »Für einen Schulausflug gerade recht«, meinte Kuhn. »Ist nun das Denkmal älter oder der, den es vorgibt darzustellen?«, witzelte Newperry. Man lachte. »Seid   ihr   Briten   uns   diese   Art   Humor   auf   Schritt   und   Tritt   schuldig?«,   sagte   ein   anderer.   Seine   Pikiertheit   war   nicht   zu überhören. »Auch nicht von schlechten Eltern«, bewies Overesch Schlagfertigkeit und grinste. Vor   dem   Museum   Trauben   von   Schülern.   Eine   bunte,   putzmuntere   Schar.   Über   dem   Lärmpegel   Gekicher,   Gelächter,   ab   und   zu ein   Pfiff,   Rufe.   Hantieren   an   Rucksäcken.   Man   aß,   trank,   schob   sich   einen   Kaugummi   in   den   Mund;   unter   den   Älteren   sah   man nicht selten eine Zigarette zwischen den Lippen hängen. Overesch   klatschte   in   die   Hände.   Damit   verschaffte   er   sich   Gehör.   Dann   seine   Aufforderung,   die   Klassen   mögen   sich   bei   ihren Lehrern   oder   Lehrerinnen   sammeln.   »Wird´s   bald?   Zigaretten   aus   im   Museum!   Verstanden?«   Einige   Dutzend   Schritte   davon entfernt   eine   Handvoll   Leute.   Ausnahmslos   Erwachsene   jenseits   der   Vierzig.   Eine   Bedienstete   des   Museums   bat   sie,   man   möge   an der   Kasse   auf   sie   warten.   Dort   gab   sie   ihnen   mit   auf   den   Weg:   »Bis   der   große   Ansturm   kommt,   wird   Ihre   Multimediavorführung zu Ende sein. Lassen Sie sich bei der Besichtigung des Museums ruhig Zeit; es wäre sonst schade …!« Das   Video   begann   von   vorne.   Florence´   ließ   sich   Zeit,   viel   Zeit.   Damit   strapazierte   sie   die   Geduld   ihrer   Klassen,   das   war   weder zu   überhören   noch   zu   übersehen.   Als   Florence   den   Eindruck   gewonnen   hatte,   dass   sich   in   den   zehn   Räumen   des   Museums   nun niemand mehr auf die Füße steigen konnte, führte sie die Mädchen und Jungens hinauf ins erste Stockwerk. Auch dort sagte sie der Eile den Kampf an. Im fünften Raum, wo der Dreh- und Angelpunkt der Parzivaldichtung gezeigt wurde, wollte sie so lange mit dem Beginn ihrer Erläuterungen warten, bis ihre Schülerinnen und Schüler ein einminütiges Schweigen unter Beweis gestellt hatten. Endlich war sie zufrieden. Dann zeigte Florence auf ein Graffiti, fixierte es und fragte, ohne es aus den Augen zu lassen: »Könnt ihr das jetzt sehen?« Dann rezitierte sie: »hêrre, wie stêt iwer nôt?« Daran schloss sie Betrachtungen an. Die Mädchen und Jungens ahnten, dass zu diesem Thema jene Fragen, die nur sie stellen konnte und worauf nur sie die Antworten wusste, nicht mehr lange auf sich warten ließen. Sie hielt inne. Obwohl die meisten der jungen Leute nicht auf ihren Vortrag achteten, entging ihnen nicht, dass ihre Lehrerin einen Gedanken nicht zu Ende gebracht hatte. Florence war in ein Schweigen verfallen. Sie stand wie erstarrt da.
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